Kapitel 1

~ Alice ~

 

Die Magie erschloss sich in einem Moment, als der Barkeeper ihr mit gehaltvollem Blick den gewünschten Manhattan über die Theke schob. Sie hatte ihm mit zwei knappen Fingerzeichen zu verstehen gegeben, weshalb sie hierhergekommen war. Das Faszinierende an Orten wie diesen war, dass sie ihre ganze eigene, universelle Sprache hatten, und er hatte sie, ohne ein Wort zu sprechen, verstanden. Hier brauchte sie kein Französisch, auch nicht ihre Muttersprache. Sie ließ tausend Sterne in ihren Augen leuchten, um die Aufmerksamkeit des Angestellten auf sich zu ziehen, tippte auf eine Stelle in der Karte mit den Cocktails und bedankte sich mit einem Kopfnicken. Sie genoss einen Schluck Heimat. Herb und aromatisch – ganz wie sie ihre Drinks bevorzugte. Darüber hinaus gefiel es ihr, ein Glas in der Hand zu halten; es gab ihr das Gefühl, etwas zu tun zu haben.

Alice Watson prüfte ihr Aussehen mithilfe des Thekenspiegels: Das Haar, vorn locker toupiert, hinten streng hochgesteckt, hatte den Weg von ihrem Zimmer bis zur Bar gut überstanden. Ihr Lidstrich hatte noch immer den gleichen aufregenden Aufwärtsschwung, wie sie ihn zuvor gezeichnet hatte. Das feuchte Rot auf ihren Lippen hatte sich während des kurzen Weges nicht abgenutzt. Sie drehte sich auf ihrem Hocker um und führte das Glas erneut zum Mund, presste die Lippen auf den Rand und ließ die kühle Flüssigkeit hinunterfließen. Erst prickelte der Whiskyanteil süß auf der Zunge, wurde dann von der strengen Note des Wermuts abgelöst. Süß und bitter war ihr Drink.

Und nicht nur er.

Die Atmosphäre im Barbereich, der unweit der großen Casinoräume lag, war angenehm ruhig: Ein üppig ausstaffierter Königssaal, in dem sich gedämpfte Gespräche mit einer unaufgeregten Melodie verbanden. Ein Pianist pflügte mit konzentrierter Miene über die Tasten seines Instruments, schien sich dabei von nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Nicht von den Stimmen um ihn herum und auch nicht vom dichten Nebel aus Zigarettenrauch, der aus den Mündern der Gäste emporstieg, bis sich die einzelnen Tabakwolken über ihren Köpfen zu einer gemeinsamen verbanden.

In der Mitte des Salons schließlich fand sie ihn: elegant im Smoking, die linke Hand energisch in die Hosentasche gesteckt, während die rechte eine dieser stinkenden Tabak-Torpedos balancierte. Es hätte keines Berührens ihres Bewusstseins bedurft, um zu spüren, wer er war. Er strahlte genau das aus, was er sein wollte: der Mann der Stunde. Als sich ihre Blicke trafen, geschah das, was Alice von ihm erwartet hatte: Er lächelte. Doch auch wenn er bemüht war, es möglichst verschmitzt zu gestalten, so blitzte die Boshaftigkeit dahinter hervor wie ein Schatten hinter einer Leinwand. Je näher er kam – er ließ sich Zeit, kostete den Moment voll und ganz aus –, desto größer wurde ihre Aufregung. Sie musterte sein Gesicht: Die monegassische Sonne hatte es um mindestens zwei Nuancen dunkler als in ihrer Erinnerung gemacht. Seine Eisaugen stachen dadurch noch intensiver aus seiner Miene hervor. Die Haare trug er kürzer, dafür aber in dem gleichen hellen Ton, nur erzeugte die Farbe einen stärkeren Kontrast als früher.

Als sich ihre Augen trafen, wusste sie, was wirklich vor sich ging: Sie träumte. Alles, was sie sah, glaubte, wahrzunehmen, entsprang ihrem schlafenden Unterbewusstsein, das sie dazu zwang, diesen Tag – diese Tat – noch einmal zu durchleben. Jetzt, wo sie den Spuk enttarnt hatte, verpuffte die Illusion der Vergangenheit in die Dunkelheit hinein, die sie erwartete, als sie ihre Augen öffnete. Rhett Desmond mit seinem breiten Lächeln verschwand. Genau wie das Casino und der Zigarettenqualm. Was blieb, war die Schuld, die sie an diesem Tag auf sich geladen hatte. Alice hörte ihren eigenen Atem, fühlte die Kälte auf ihrer Haut, während sie sich in ihrem Bett umdrehte. Die Nacht hatte Frost hervorgebracht. Eisblumen ragten über die Scheibe ihres kleinen Dachfensters, zeichneten ein weißes Muster am Holzrahmen entlang. Die Stille einer klaren Winternacht umlagerte sie in ihrem einfachen Schlafgemach unter dem Dach. Träge, noch im Halbschlaf, wanderte ihre Hand zum Shirtkragen, zog die Kette darunter hervor.

Das Artefakt ihres Vergehens, der Beweis für ihre Schuld. Sie hatte Rhett seines Kristalles beraubt, ihn getötet. Möglich gemacht hatte das erst der Mord an Violet Keeler, deren roten Kristall Alice sich ebenso ergaunert hatte, wie sie es davor auf Norman Vanzetti abgesehen hatte.

Was es das wert gewesen?

Sie hielt den farblosen Kristall in das Mondlicht, wendete ihn in ihren Fingern. Sie hatte sich Zeit verschafft. Jedes Mal, wenn sie einen neuen roten, funktionsfähigen Kristall als Kette um ihren Hals gelegt hatte, war das Gefühl einer tiefen Erleichterung der Lohn für ihre Taten gewesen. Aber es hatte nie lange gehalten, genau wie die Wirkung der Kristalle. Das bisschen Zeit war nie genug gewesen, es waren nur kurze, flüchtige Momente, die sie nie hatte genießen können. Weil sie wusste, dass es bald wieder vorbei sein würde.

Wäre sie Stan doch nur eher begegnet. Viel früher hätte sie dann eingesehen, wie falsch sie damals gelegen hatte. Und wie sinnlos dieses Hinterherjagen nach einer Linderung für ihre Krankheit, gegen die es letztlich keine Kur gab, war. Sie war für so wenig zur Mörderin von drei Menschen geworden.

Stan.

Es gab Morgen, an denen dachte sie erst über ihn nach, wenn sie die Beine bereits aus dem Bett geschwungen hatte. Und solche wie heute, da war er schon in der Minute ihres Aufwachens so präsent, als läge er neben ihr. So, wie früher. Doch die Bettseite war, wie in den letzten 20 Jahren, auch heute leer. 20 Leere-Betten-Jahre gegen die 30 Jahre, die sie neben ihm aufgewacht war. Mit Sommertagen im Garten hinter dem Haus. Mit dem Gefühl im Bauch, wie gut sie es miteinander hatten, und der Freiheit im Herzen, wenn sie gemeinsam zu den Wolken hinaufschauten. Mit Winternächten, in denen sie sich gegenseitig gewärmt hatten, sich liebten und glaubten, es würde ewig so sein. Tage, an denen es ihr an nichts gefehlt hatte und sie ehrlich behaupten konnte, dass sie glücklich war. Warum war er bei ihr geblieben?

Mühsam schälte sie sich aus dem Bett. Ihr Atem blies sichtbar in die kleine Kammer unter dem Dach hinein, der Frost kroch ihr an der freien Haut bis in die Knochen.

Die Winter in den Rocky Mountains waren weiß, lang und eisig. Eine raue Schönheit. Sie waren beide immer gern hier gewesen. Ihr Geburtstag, Thanksgiving, Weihnachten waren Ereignisse, die hier stattgefunden hatten. Sechs Wochen lang nur die Weite der Rocky Mountains, der Schnee und sie zwei. Als kleinste Familie der Welt. Die Frau, mit der er heimlich ein Kind hatte, hatte er in Maine kennengelernt. Schnell warf sie sich ihre Sweatjacke um und schlüpfte in ein frisches Paar warmer Socken. Es war früh am Morgen, und wenn sie leise war, würde sie ihren Gast nicht wecken. Sie öffnete die Tür, spähte in die Dunkelheit hinein und lauschte. Nichts. Kein knarrendes Holz, obwohl ein forscher Wind um die Hütte zog, und kein Ticken an der Wand, weil die Batterie in der schmucklosen Uhr über dem Treppenabsatz schon lange den Geist aufgegeben hatte. Nur kurz in die Küche, Wasser kochen und einen Tee aufsetzen, dann zurück ins Zimmer. An der Treppe angekommen, traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz.

Sie war so verdammt hilfsbedürftig, und er war so verdammt hilfsbereit gewesen. Vielleicht hatten sie das beide mit Liebe verwechselt. Er hatte Mitleid mit ihr, weil sie dieses traurige Schicksal ereilte. Sie war ihm quasi vor die Füße gefallen. Sich nicht für sie verantwortlich zu fühlen, lag nicht in seinem Wesen. Stan war der verantwortungsbewussteste Mensch, dem sie je begegnet war. Aber er war auch jemand, der mit einer anderen Frau ein Kind hatte. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob es nur ein One-Night-Stand gewesen war oder mehr als das. Immer gewesen war, während er bei ihr blieb und kein Wort darüber verlor. Niemals, zu keinem Zeitpunkt. Während irgendwo sein Kind durch die Welt lief.

In der Küche setzte sie den Kessel auf den Herd und zog eine Tasse aus dem Regal. In der Zeit, in der das Wasser kochte, sah sie sich um: Sie stand in einer kleinen Küchenzeile, die das Allernötigste bereithielt. Ein Tisch für zwei Personen sowie eine Couch, die ihre besten Tage schon hinter sich hatte, standen eng beieinander. Und drum herum: Holz, Kaminwärme, Behaglichkeit. Es war perfekt als Liebesnest. Für zwei Menschen, die die Not zusammengeführt hatte, war es ein Gefängnis. Auf dem Tisch lagen ein paar Zettel verstreut, darauf in einer eiligen Handschrift Notizen vom letzten Abend. Alice beugte sich etwas vor, um sie in Augenschein zu nehmen, doch sie gab es schnell auf, in den Zeilen Lesbares zu finden. Unter dem Haufen weißen Papiers lag die Akte, die ihnen seit dem letzten Sommer gehörte. Darum ging es also. Die Dunklen und die Hellen Sterne. Profilanalysen und zwei verwackelte Bilder. Das Knarzen auf der Treppe ließ sie herumfahren. Zuerst sah sie nur ein Paar Beine, das sich, in eine dunkle Jeans gekleidet, Stufe für Stufe näher auf sie zubewegte. Dann ein Hemd – Karos auf Baumwolle – und schließlich der Rest von William Albury.

»Guten Morgen«, grüßte er mit einem wachen Lächeln und passierte sie, ohne zu stoppen. In der Bewegung lag der Geruch von Seife und Zahnpasta.

Sie hörte ihn hinter sich am Regal hantieren.

»Morgen«, murmelte sie zurück.

»Reicht es für zwei?«

Alice drehte sich um, runzelte die Stirn.

»Wie?«

»Das Wasser«, antwortete er und deutete auf den Kessel vor ihnen.

»Ich dachte, du schläfst noch«, erwiderte sie und nahm den Kessel vom Herd, um noch mehr Wasser nachzufüllen.

»Nicht nötig, ich hätte gewartet.«

Sie drehte den Hahn zu und bugsierte den Kessel zurück auf den Herd.

»Unsinn. Aber bring neuen Tee aus der Stadt mit, wenn du das nächste Mal runterfährst.«

»Hm«, machte er und schien darauf zu warten, dass sie ihn ansah.

Er ahnte nicht, wie sehr sie versuchte es zu vermeiden.

»Ich dachte, du könntest mitkommen.«

»Wohin? In die Stadt?« Unruhig nestelte sie an der Armatur des Herdes. »Du weißt …«

»Ja, ich weiß«, unterbrach er sie resigniert. Aber es hielt nur kurz. Viel euphorischer fuhr er fort: »War nur eine Idee. Ich kann auch allein fahren. Ich dachte nur, es sind nicht viele Leute dort unterwegs. Außerdem ist es dein Geld, was ich da ausgebe. Vielleicht wüsstest du gern, wofür …«

Jetzt sah sie doch zu ihm. In das Gesicht der Person, die ihr in den letzten Monaten am häufigsten gegenüberstand. Eines, das sie sich auswendig eingeprägt hatte. Und das sie noch im Schlaf würde beschreiben können.

»Ach, Will …«, setzte sie an, schaute zu Boden, damit sie sich von seinem Blick nicht ablenken ließ. »Ich muss das nicht wissen. Und du musst nicht über so etwas nachdenken. Es ist, wie es ist.«

Und genau so war es: Will, der nicht an seine Konten kam, weil jemand sie gesperrt hatte. Sie, die von dem Vermögen lebte, das sie vor einer gefühlten Ewigkeit verdient hatte. Er hatte sich in die Abhängigkeit von ihr begeben, als er in ihr Fluchtauto gestiegen war und sein vertrautes Leben hinter sich gelassen hatte.

»Ja«, antwortete er gedehnt. Alice verstand, dass es für jemanden, der es gewohnt war, sich nie um Geld sorgen zu müssen, eine große Last war, so zu leben. Abgeschieden von der Außenwelt, eingeschneit in eine Ruhe, die dieser rastlose Geist so wohl nie zuvor kennengelernt hatte. Es gab kein Internet, keinen Fernseher und noch nicht einmal elektrisches Licht. Nur alte Bücher, die sie vor all der Zeit hier eingelagert hatte, lange Spaziergänge im Schnee und Holzhacken für den Kamin. Manchmal sah sie ihm nach, wenn er draußen die frischen Holzscheite auf den Stapel sortierte. Ein bisschen verloren wirkte er dort, wie er sich auf dem Platz vor dem Häuschen und umzingelt von den hünenhaften Tannen am Beil versuchte. Wie in eine fremde Welt gebeamt. Und vieleicht hoffte er, so wie ein ausgesetzter Außerirdischer, dass seine Leute ihn bald finden und erretten würden.

Doch beklagt hatte er sich nie. Nicht ein einziges Mal in den vergangen fünf Monaten.

»Hast du noch mal darüber nachgedacht?«, fragte er.

Aus ihren Gedanken gerissen fragte sie zurück: »Worüber denn?«

Will stand jetzt am Tisch, stauchte die dort abgelegten Zettel zu einem kleinen Turm zusammen.

»Über den Namen der Frau auf dem Foto. Du meintest gestern Abend, dass du es versuchst.«

Dann zog er das Foto, von dem er sprach, vom Tisch, hob es in die Luft, sodass sie vom Anblick nicht verschont blieb. Touché, dachte sie. Sie wandte das Gesicht ab, doch es war zu spät. Die Erinnerung, die sie verblassen lassen wollte, war mit einem Schlag wie erneuert. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Will das Foto wieder sinken ließ. Als täte es ihm plötzlich leid, sie so überrumpelt zu haben.

»Das ist nicht so einfach. Es ist fast 30 Jahre her«, log sie.

»Jemand aus eurem Umfeld?«, fragte er, als wäre sie ein Minenfeld, über das er laufen musste.

»Keine Freundin. Ein-, zweimal hab ich sie gesehen. Und daran erinnere ich mich auch nur, weil mir gewöhnlich nicht besonders viele Leute über den Weg laufen.«

»Bei welchen Gelegenheiten hast du sie gesehen? War sie bei euch? Oder vielleicht in der Flugschule? Sie könnte eine Schülerin von Stan gewesen sein. Vielleicht existieren noch Unterlagen von damals, dann könnten wir …«

Als sie die Hände zum Kopf führte, um sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren, hörte er auf.

»Ich verstehe, dass es nicht einfach ist«, setzte er zahmer als zuvor wieder an. »Es tut weh zu sehen, wie sich jemand in eine falsche Richtung entwickelt, der einem mal viel bedeutet hat. Als ich Lea wiedertraf und erfahren hab, was aus ihr geworden ist, hat es mich fast umgehauen.«

Etwas in seiner Stimme brachte sie wieder herunter. Eine gewisse Traurigkeit, die sie bei ihm wahrnahm. Nichts Gekünsteltes, sondern ehrliches Bedauern.

»Sie hatte Angst vor den Sternen, besonders natürlich vor Adams, aber auch generell vor den Kräften, die sie haben«, sagte er mit einem freudlosen Lächeln in ihre Richtung. »Ich habe ihre Angst nicht ernst genommen. Jetzt sitze ich hier und grübele, ob es etwas geändert hätte, wenn ich früher mehr darauf eingegangen wäre.«

»Du meinst, dann wäre sie nicht von ihren Freunden gekidnappt worden?«

»Ich hätte ihr nur einfach etwas Besseres gewünscht, als für meine zwielichtige Mutter zu arbeiten. Sie hat nicht verdient, was mit ihr passiert ist.«

»Zuhören bringt nur dann was, wenn der andere auch redet«, sagte sie, hörte selbst den Trotz aus ihrer Stimme heraus.

Seine Augen huschten über sie hinweg, sondierten sie, analysierten sie.

»Er hat nie etwas angedeutet? Ist nichts passiert, was dich stutzig gemacht hat?«

»Und was hätte das deiner Meinung nach sein sollen? Was sagt dieses Bild denn? Es sagt nichts darüber, ob sie sich weiterhin getroffen haben. Ob das da seine heimliche Familie war, von der ich nichts wissen sollte.«

»Aber du befürchtest, dass es genau so war – dass er ein Doppelleben führte. Eines mit dir in eurem Haus in Owls Head und eines mit dieser Frau und dem Kind.«

»Ich kann dir nichts versprechen. Auch keinen Namen.«

»Du musst mir nichts versprechen, Alice.« Er sagte es mit einer bestimmenden Art, die keinen Zweifel daran ließ, dass er es auch so meinte. Und zugleich ahnte sie, dass er noch nicht fertig war. Etwas gedämpfter fuhr er fort: »Aber was ist mit dieser Seele da draußen, die nichts von Hellen und Dunklen Sternen weiß? Auch nicht ihre Rolle darin? Und vergiss Force S nicht, die könnten auch längst dieser Spur nachgegangen sein. Wenn du etwas tun willst, dann für diesen Menschen, der deine Hilfe wirklich nötig hat.«

Sein Appell hing in der Luft, zwischen ihnen, wartete darauf, von ihr erfasst zu werden. Doch sie fühlte sich dazu nicht in der Lage. Er wusste nicht, was er da von ihr verlangte. Selbst wenn sie sich dazu durchringen könnte und den Schmerz ignorierte, der damit zusammenhing, so war es ihr unmöglich, seinem Wunsch zu entsprechen. Sie war eine Gefangene. Nur war ihr Gefängnis nicht sichtbar für ihn. Obwohl es ihn doch selbst umgab, vermochte er es nicht zu erkennen.

»Ich bin niemand, den man um Hilfe bittet. Ich bin jemand, dem man besser aus dem Weg geht«, erklärte sie mit bitterer Stimme und verließ sein Sichtfeld. Wandte sich um zum Wasserkocher, der kurz davor war, sein lautes Pfeifen zu entsenden, als Signal dafür, dass er seinen Zweck erfüllt hatte.

Hinter sich hörte sie Schritte, dann ein Stuhlscharren. »Du verschwendest deine Zeit«, sagte sie und konzentrierte sich darauf, das Wasser in ihre beiden Tassen zu gießen. »Du solltest auf wilden Partys tanzen oder mit Freunden guten französischen Wein ausprobieren oder ein paar Pariser Damen den Hof machen. Aber du solltest nicht hier sein.«

»Ich bin genau dort, wo ich sein muss«, antwortete er stoisch. Als sie sich mit den Tassen in den Händen umdrehte, sah sie ihn am Tisch, wie er die beiden Fotografien, die ihnen von Lea im Irrgarten von Seaport ausgehändigt worden waren, betrachtete. Kurz bevor sie in die Gefangenschaft von Force S geraten war. Das Bild mit Stan und der Frau. Und das Bild von den drei Hellen Sternen – wenn es nach Bill Albury ging, der dieses Foto aus einer heimlichen Deckung heraus geschossen hatte. Alice wusste, was Will hier gefangen hielt. Sie erkannte es an der Art, wie er ihr heimlich Blicke zuwarf, wenn er glaubte, sie würde es nicht bemerken. Und noch immer hatte sie die Worte von Max im Ohr, als sie unbeabsichtigt den Streit zwischen Will und ihm mit angehört hatte – im Sommer, als sie zu dritt auf gemeinsamen Pfaden wandelten. »Ich dachte wirklich, du hättest deine Teenagerhormone mittlerweile im Griff«, hatte er gesagt. Sie könnte sich irren und Max hatte damit überhaupt nicht sie gemeint. Aber insgeheim wusste sie, dass sie richtiglag: Will sah etwas in ihr, das ihn nicht losließ. Was ihn weiterhin, Tag für Tag, dazu brachte, hierzubleiben und darauf zu beharren, dass seine Entscheidung, gemeinsam mit ihr vor Force S und seiner Mutter zu fliehen, die richtige war. Er sah etwas, das nur in seiner Vorstellung existierte.

Sie stellte eine Tasse direkt neben ihm ab. Als er aufsah und sich ihre Blicke trafen, sagte sie:

»Du kannst dich nicht ewig verstecken. Irgendwo da draußen ist dein Leben, und du musst es dir zurückholen.«

Die Traurigkeit, die sich in seinem Gesicht widerspiegelte, traf sie tiefer, als sie zulassen wollte.

»Was ist mit deinem Leben? Du versteckst dich doch genauso.«

»Aber du hast die Wahl.«

Er legte den Kopf etwas schief.

»Hast du Force S vergessen? Oder Helen?«

»Sie ist deine Mutter«, beharrte sie.

»… die meinen Vater umbringen wollte.«

»Das ist nur eine Vermutung.«

»Du ergreifst Partei für sie?«

»Ich sage damit nur, dass es keine Beweise für deinen Vorwurf gibt. Am Ende könnte sich herausstellen, dass es nicht so schlimm ist, wie du denkst. Und dass es einen Weg zurück für dich gibt  …«

»Zu den Lügen? Zu den Leuten, die Lea entführt haben? Zum Shelter-Projekt, die noch mehr Leute kidnappen? Ich soll einfach zurückgehen, ein bisschen Buße tun und mich damit abfinden?«

Zugegeben, das klang nicht unbedingt nach dem, was sie sich unter einen Weg zurück vorgestellt hatte.

»Wenn du herausfinden willst, warum das mit deinem Vater passiert ist, musst du dahin, wo du Antworten findest. Hier gibt es keine.«

Er drehte sich auf dem Stuhl, legte einen Arm auf der oberen Lehne ab, fixierte sie mit undurchdringlicher Miene.

»Um das zu verstehen, muss ich die ganze Geschichte kennen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass dazu auch dein Teil der Geschichte gehört. Bill kam zu dir, wollte dir etwas sagen. Und irgendwie gehören diese beiden Fotos da mit rein«, antwortete er und tippte mit den Fingern seiner freien Hand auf die Stelle, wo fünf Köpfe auf zwei Bildern abgelichtet waren. »Wo auch immer ich ansetze, um den Zusammenhang zu verstehen: Ich lande immer bei dir. Aber solange dir der Name der Frau nicht einfällt oder Bill aus dem Koma erwacht, kommen wir nicht weiter. Wir müssen herausfinden, wer sie ist und wo wir sie finden können. Das Kind, das sie mit Stan hat, ist nach allem, was wir herausgefunden haben, ein potenzieller Sternanwärter. John Adams, Force S und diese drei hier«, er tippte auf die drei Gesichter der zweiten Fotografie, »wird es ebenso brennend interessieren, was mit ihr oder ihm geschehen ist.«

»Vielleicht wissen die es längst schon …«, warf sie ein.

»Dann müssen wir auch das herausfinden. Die einzige Spur, die wir haben, ist dieses Foto. Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob du dich an ihren Namen erinnerst.« Er ließ seinen Blick über ihr Gesicht wandern. Aus dunkelblauen Augen suchte er nach einer Reaktion ihrerseits. »Wie ich schon sagte: Ich bin genau dort, wo ich sein muss.«

Alice seufzte. In all der Zeit, die sie mittlerweile zusammen verbracht hatten, in der er so bemüht war, sich ihren besonderen Umständen anzupassen, war eines doch immer gleich geblieben: seine Hartnäckigkeit und die Art, sie dazu bringen zu wollen, sich verantwortlich zu fühlen. Er sagte es nicht direkt, ging subtil vor, drängte sie in keine Richtung und gab auch kein Kommando vor. Dennoch wusste sie, dass er einen Plan verfolgte. Er wollte einen Namen von ihr und scheute keine Umwege und geizte auch nicht mit seinem Feingefühl, um sein Ziel zu erreichen.

Warum nur musste sie sich ausgerechnet mit einem Diplomaten zusammentun?

»Gibt es noch etwas anderes außer Tee, das ich aus der Stadt mitbringen soll?«

Wills Stimmung hatte sich verändert. Mit seiner sachlichen Freundlichkeit rissen ihre letzten Gedanken ab.

»Nein, ich habe alles, danke.«

Er zog einen leeren Zettel vom Stapel und begann mit dem bereitliegenden Kugelschreiber ein paar Notizen darauf zu vermerken.

»Die Axt ist stumpf«, sagte sie, als ihr wieder einfiel, wie sehr sie sich beim letzten Mal abgemüht hatte, Kleinholz für den Kamin zu schlagen.

»Unten gibt es einen Laden, wo man sie schleifen lassen kann. Ich werde sie mitnehmen.«

»Okay. Vielleicht … kannst du mich ja auch mitnehmen.«

Der Stift fiel auf das Blatt, sein Blick hob sich. Zwischen seinen Brauen stand eine Linie, wie ein Zeichen seines Unglaubens.

»Ich dachte, du wolltest nicht?«

Alice zuckte mit den Schultern.

»Wir fahren kurz vor Ladenschluss, abends, wenn alle schon am Esstisch sitzen. Ich war eine Ewigkeit nicht mehr im Ort. Ich bin neugierig, was sich dort alles verändert hat.«

Die Überraschung über ihre plötzliche Meinungsänderung verbarg er nicht. Auch nicht das Lächeln, das sich daran anschloss.

Veränderungen, so schien es ihr, waren ohnehin unausweichlich. Sie hatte sich allerdings schon immer schwer damit getan. Sie bewunderte Will dafür, dass es ihm so viel leichter fiel, neue Umstände zu akzeptieren und sich ihnen anzupassen. Ihn um sich zu haben, machte ihre eigene Ungelenkheit – das stumme Verharren in den letzten Jahren – sichtbar. Auch wenn es nicht seine Absicht war, so zwang seine Gegenwart sie dazu, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass sie in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen war, aus der sie weder vor noch zurück konnte. Die Schritte aus der Starre heraus waren für ihn vermutlich zu winzig, um sie überhaupt zu registrieren. Aber Alice ging sie. Jeden Tag ein bisschen mehr. Wacklige, zögernd langsame zwar, aber Schritte. Es überraschte sie selbst, wie das auf einmal möglich war.

Und ängstigte sie im gleichen Maße.

 

 Kapitel 2

~ Max ~

In die Stadt, im tiefsten Nordwesten, nahe der Grenze zu Kanada, war das Grau des Herbstes eingezogen. Als der Sommer ging, schien es, als hätte er alle Farben mit sich genommen: graue Gebäude, graue Straßen, grauer Himmel. Seit Tagen hatte sich die Sonne nicht mehr blicken lassen. Öffnete der Himmel seine Pforten doch einmal, so tat er es, um kalten Regen auf die Erde zu spülen. Dieser trug die abgefallenen Blätter der Bäume und Sträucher mit sich, und sie legten sich auf die Abwasserschächte, versumpften dort und verstopften die Rinnen wie ein undurchlässiger Filter. Der Kreislauf aus Grau machte auch nicht vor dem Parkplatz des Krankenhauses im Zentrum der Stadt halt. Einzig die Autos gaben hie und da ein paar Farbtupfer, ansonsten war alles einfach nur trostlos.

Max Bennett schälte sich aus dem Sitz seines Pontiacs und stellte fest, dass der bisher üppige Regen in einen Nieselschauer übergegangen war. Stoisch ließ er es über sich ergehen und durchquerte die Parkbucht, an deren Ende eine gläserne Drehtür den Eingang des Krankenhauses markierte. Drinnen war es zwar trocken, aber kaum angenehmer. Gerüche von Blumensträußen, nasser Kleidung und Desinfektionsmittel mischten sich und ergaben einen anstrengenden Mix, den Max widerwillig durch seine Nase einsog. Er kannte den Weg, und heute, an einem stark frequentierten Tag, zu Beginn des Wochenendes, war er noch bemühter, diesen schnell zu passieren. Er rief den Fahrstuhl und ließ sich in das vierte Stockwerk hochfahren. Als die Türen aufsprangen, stellte er fest, dass hier oben immerhin weniger Menschen waren. Er hielt vor einer gläsernen Flügeltür und betätigte die Klingel an der Wand. Eine staksige Frau mit dicken Brillengläsern und weinroter Arbeitskleidung löste den Mechanismus aus, der Max die Türen öffnete. Sie begrüßte ihn mit einem herzlichen Lächeln. »Hallo, Mr Bennett, schön, dass Sie wieder vorbeischauen.« Sie zwinkerte und ging dann ihrer Wege.

Max durchlief die Hälfte des Flures und blieb vor Zimmer 22 stehen, drückte den Spender, wie sie vor jedem anderen Patientenzimmer auch angebracht waren, und verrieb das Desinfektionsmittel in seinen Händen. Die Tür öffnete er mit dem Ellenbogen, weil er zu großzügig von der Flüssigkeit genommen hatte. Alles war, wie er es bei seinem letzten Besuch vorgefunden hatte: ein einzelnes Bett, viele bunte Sträuße und Grußkarten auf dem Tischchen daneben. Dazu diverse Geräte, die entweder in unterschiedlichsten Farben blinkten oder Geräusche von sich gaben, manche taten beides gleichzeitig. Im Bett, eingehüllt in schlichte hellblaue Krankenhausbezüge, fand er seinen Vater. Er war frisch rasiert, und das graue Haar war zurückgekämmt, sodass seine hohe Stirn noch mehr zur Geltung kam. Seine Züge waren friedlich und in diesem Zustand fast faltenlos. Bill Albury lag nun seit über fünf Monaten hier.

Da Max keine Jacke trug, nur ein einfaches Sweatshirt, hatte er nichts abzulegen. Also zog er sich den Besucherstuhl näher an das Bett heran und nahm Platz. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Nachdem er sich entschieden hatte, in Seaport zu bleiben, hatte er es zunächst vermieden, hierherzukommen. Doch irgendwann schlich sich der Wunsch ein, nein, der Drang, seinen Vater an seinem Krankenbett – was mehr einem Totenbett glich – zu besuchen. Daraus war dann ganz von selbst eine Routine entstanden; insgeheim hoffte er wohl, dass seine Anwesenheit Bill zu einer Reaktion bewegen würde. Als sich nichts tat, sein Zustand zwar stabil war, aber keine Fortschritte machte, wurden die Besuche weniger. Nachdem Bill von der Kugel in seinem Hals befreit worden war, sah es zunächst schlecht für ihn aus. Doch entgegen der ärztlichen Prognose schaffte er es, sich weiterhin am Leben festzukrallen. Max stellte sich das gern so vor, dass Bill sich an einem Abgrund festhielt und einen Weg suchte, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Aber die Schwerkraft, die in seiner Dimension nichts weiter war als die Zeit, die er im Koma lag, zehrte an seinen Kräften. Er sah schwächer aus als beim letzten Mal, fand er. Dünn war er geworden, das Gesicht war eingefallen und fahl. Wie lange würde er sich noch halten können?

Dann tat Max etwas, das noch nie vorgekommen war, wenn er neben dem Krankenhausbett saß: Er sprach mit seinem Vater.

»Ich habe heute jemanden getroffen, den du kennst«, sagte er im Plauderton, als würde er eine Antwort von Bill erwarten, doch nichts außer dem gleichmäßigen Heben und Senken seines Brustkorbs geschah. »Jim Donovan. Er hat erzählt, dass ihr früher viel zusammen gemacht habt. Du, er und … nun ja. Er meinte, ihr hättet euch als Anfänger kennengelernt, wärt sogar Freunde geworden und dass er dein Trauzeuge war, als du Mom geheiratet hast.« Max legte einen Arm auf die Lehne und rieb sich mit den Fingern die Stirn. »Er hat mir ein Bier angeboten, sich neben mich gesetzt und dann einfach angefangen zu erzählen: seine halbe Lebensgeschichte«, sein Mund verzog sich zu einem knappen Lächeln. Er verfolgte eine Weile die Ausschläge von Bills Herz, die der Monitor über dem Kopfende sichtbar machte. »Aber er hat sich nicht in die Karten schauen lassen. Keine Reaktion bei der Erwähnung von Force S. Nicht mal beim Namen Lea Branigan, seiner Tochter. Helen hat es wirklich geschafft: Sie hat alle eingeschüchtert.« Er machte eine Pause. »Ich weiß ja, dass er und Branigan nicht die beste Beziehung zueinander hatten, aber dass er gar nicht auf ihr Verschwinden reagiert, macht mich echt fertig. Er hat zwar nichts über Force S gesagt, aber ich hab’s ihm angesehen: Er hasst diese Leute. Ist ihm seine Tochter so egal?« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Ich werde nicht schlau aus ihm. Er hat viele Freunde bei Serendipity. Wenn die sich zusammenraufen würden, könnten sie was bewegen …«

Sein stummer Zuhörer lag weiterhin arglos in gestärkten Krankenhausbettbezügen. Nichts weiter geschah, nur der Piepton zwischen ihnen deutete an, dass Bill noch unter den Lebenden weilte, auch wenn er unerreichbar war. Max fuhr sich über die Stoppeln seines kurzen Haares.

»Fünf Monate. Fünf Monate und ich bin kein bisschen weiter. Ich hab nichts weiter erreicht, außer mir einen Namen als Helens Mann fürs Grobe zu machen. Hat es was gebracht? –Nein. Weiß ich, wer die undichte Quelle ist? – Nein. Hab ich eine Idee, wo sich Adams aufhält? –Wieder nein. Und Will? – Ich fang lieber gar nicht erst davon an.« Der letzte Blick, den ihm sein jüngerer Bruder zugeworfen hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. In seinen Augen war Max der Verräter. Helens Erklärungen nach war es Will. »Ich schätze, es gibt jetzt ein neues unzertrennliches Duo«, sagte er mürrisch und hob die Brauen. »Das war sicher nicht deine Absicht, als du nach Owls Head aufgebrochen bist.«

Die Zimmertür schwang auf, und die Krankenschwester, die ihm vorhin die Pforte geöffnet hatte, trat mit einer Schale in der Hand ein. Sie stellte ihre Utensilien – eingeschweißte Kanülen und mit klarer Flüssigkeit gefüllte Glasfässchen – auf eine freie Stelle des Tischchens und trat neben das Bett.

»Es ist gut, wenn Sie mit ihm reden.«

Max schnitt eine Grimasse.

»Es scheint ihn allerdings nicht sonderlich zu interessieren, was ich zu sagen habe. Aber das ist okay, das war früher genauso.«

Sie antwortete mit einem professionellen Lächeln.

»Wir sind sehr zufrieden mit ihm, keine Zwischenfälle mehr seit zwei Wochen.« Sie tätschelte die leblose Schulter ihres Patienten. Max stieß die Bewegung unangenehm auf. Was brachte das schon? Lebendiger war er jedenfalls nicht. Überhaupt war Max ungehalten darüber, dass sie so einfach hereinspazierte und seinen Monolog unterbrach. Er sah ihr dabei zu, wie sie ein flüssiges Medikament in eine der Kanülen spritzte und anschließend einen Knopf betätigte, der zu den unzähligen Geräten gehörte, die Bills Dahinvegetieren überwachten. Er erhob sich. Er musste es allein schaffen.

»Ihre Mutter war gestern auch schon hier«, flötete die Krankenschwester fröhlich. »Stimmt es denn?«

»Stiefmutter. Was soll stimmen?«

Sie sah auf.

»Dass Sie Mr Albury verlegen werden?«

Er runzelte die Stirn.

»Wohin denn?«

Wieder dieses Lächeln.

»In ein Rehazentrum außerhalb der Stadt.« Etwas zögerlicher fügte sie hinzu: »Das wussten Sie nicht?«

»Jetzt schon.«

»Ach so«, bemerkte sie beiläufig. »Vielleicht ist es Ihrem Bruder ja dort möglich, seinen Vater zu besuchen. Ihre Mutter hat ihn erwähnt.«

Max’ Miene verfinsterte sich augenblicklich.

»Nein, das wird wohl nicht so schnell geschehen.«

»Schade«, entgegnete sie schlicht.

Er wandte sich ab und verließ das Zimmer ohne einen weiteren Gruß. Auf dem Gang der Station überkam ihn der überwältigende Drang, sich ins Auto zu setzen und einfach davonzufahren. Dorthin, wo auch immer ihn seine Route führen würde. Vorzugsweise zurück zu seinem Campingplatz, den er seit seiner Abreise nicht mehr betreten hatte.

Draußen war der Regen wieder stärker geworden, er fraß sich durch den Stoff seines Shirts, durchnässte ihn binnen Sekunden. Im Auto angekommen, wischte er die Feuchtigkeit von seinen Haaren und trocknete seine Hände, indem er sie über die Jeans rieb. Sein Blick fiel auf die Tasche, die neben ihm auf dem Beifahrersitz lag. Aus ihr heraus lugte sein Tablet-PC mit den Daten seines nächsten Probanden, sein zweites Interview an diesem Tag. Es war als simple Befragung getarnt, doch letztlich war es nichts anderes als ein Verhör, und genau das wussten die Leute, die er besuchte. Es diente nur einem Zweck: den Maulwurf zu finden. Doch er war sich darüber im Klaren, wie es die anderen auffassten. Für die war er Helen Alburys rechte Hand, und mit jedem Besuch, den er den Mitgliedern von Serendipity abstattete, gab er auch ein unausgesprochenes Statement ab: Wir haben jetzt das Sagen, und wir machen das jetzt so. Ihm ging es nur um den Maulwurf: John Adams’ Spion, den er eingeschleust hatte, um diese Leute zu finden, deren er sich aus Gründen, die Max nicht kannte, entledigen wollte. Irgendwo sollten sie sein; dort, wohin Helen und ihre Vertrauten sie verschleppt hatten. Ein Ort, so mystisch wie Nimmerland oder die Welt hinter dem Kleiderschrank. Aber real?

Weil es nicht voranging, klammerte er sich an das, was ihm zur Verfügung stand: die systematische Befragung aller möglichen Komplizen oder Mitwisser. Die meisten jedoch waren keins von beiden. So wie Donovan. Was nicht bedeutete, dass sie nichts wussten. So wie Donovan.

Er nahm das Pad in die Hand, löschte den schwarzen Hintergrund, indem er mit seiner Fingerspitze über das Display fuhr. Ein freundliches Lächeln, eingebettet in ein hübsches und argloses Gesicht, strahlte ihm entgegen. Braune Augen und kurze, haselnussbraune Haare, eine zarte Nase und ausgeprägte Lippen waren das, was Lea Branigan ausmachte.

 

Das Versteck von Force S war nicht länger ein geheimer Ort, an dem Verschwörungen und Missetaten geplant und durchgeführt wurden. Es war nun das Hauptquartier der Dachorganisation Serendipity und ein Ort, an dem Verschwörungen und Missetaten geplant und von höchster Stelle abgewinkt wurden. Abgesehen davon war es einer dieser völlig überteuerten und elitären Golfclubs, wie sie in jeder Region aufpoppten, wo sich der Geldadel langweilte und nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, als sich von der Allgemeinheit abzuschotten. In einer Welt, in der es am wichtigsten erschien, dass die Bar und der Geldbeutel stets gut gefüllt waren, fand sich wohl auch Platz für das Wirken einer Geheimloge, wie sie von Helen Albury angeführt wurde.

Als Max später am Tag eintraf, war das Gemeinschaftshaus ungewöhnlich leer. Er hatte gerade die Stufen zum Clubeingang erklommen, da offenbarte sich die Lösung mithilfe eines Hinweisschildes: Aufgrund von Renovierungsarbeiten bis Mittwoch, 21. November geschlossen. Offenbar störten die dem Alkohol durchaus zuträglichen Plaudertaschen dann doch die Geschäfte.

Er durchschritt den Eingangsbereich und erreichte das Foyer durch eine weitere Tür. Sein Eindruck hatte ihn nicht getäuscht: Auch im Inneren der Machtzentrale war es gespenstisch ruhig, so ruhig, dass ihm die Stille beinahe entgegensprang wie ein Springteufel aus einer Box. Nur ein einzelner Wachposten, starr und stolz wie die Bronzestatue eines römischen Kaisers, stand vor der Tür des Clubbüros.

»Ist sie da?«, fragte er und stieß einen Finger auf die geschlossene Tür.

»Sie will nicht gestört werden«, brummte der Koloss mit verschränkten Armen. Die Geste war eindeutig: ›Komm bloß nicht auf den Gedanken, Ärger zu machen.‹

Er scheute keine Konfrontation – wenn er da reingehen wollte, würde er da auch reingehen. Da konnte ihn die Kolossstatue noch so lange böse anglotzen, bis ihm die Muskeln aus dem Gesicht sprangen. Aber Max hatte gelernt, dass es manchmal der cleverste Weg war, sich den Dingen zu fügen. Nicht, um des Fügens selbst wegen, sondern wegen der Gelegenheiten, die sich daraus ergaben. Denn wenn seine Ohren ihn nicht täuschten – und er hatte ein ziemlich verlässliches Gehör –, vernahm er hinter der Pforte zwei Stimmen, die miteinander redeten. Und das war etwas, was seinen Verstand mit blinkenden Pfeilen aufmerksam machte. Er parkte sich neben dem auf Hochglanz polierten Blumenkübel, aus dem drei grüne Fächer herausschauten, und knotete die Füße ineinander.

»Ey«, tönte es neben ihm. »Hast du das Spiel gestern gesehen?«

Max verdrehte innerlich die Augen. Wieso musste er ausgerechnet heute an diesen geschwätzigen Wachhund geraten?

»Nein«, sagte er knapp und legte so viel ›Ich habe keinen Bock auf dein Gequatsche‹ in seine Stimme, wie in ein einziges Wort passte.

Leider war der andere nicht nur der gesprächigste Typ, den Helen beschäftigte, sondern auch der ignoranteste.

»Hast was verpasst, Mann, war voll die Hinrichtung.«

Max hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Baseball, Football, es hätte auch Schach sein können. Er blickte zu dem Hünen, der selbst ihn fast noch um einen guten Kopf überragte, und dachte bei sich: kein Schach. In der Highschool hatte er, sogar recht erfolgreich, Football gespielt und geboxt. Aber die Leidenschaft ließ, genau wie seine Noten, mit jedem Jahr nach. Heute war ihm eine Angelrute vertrauter als alles, was einen Ball oder Handschuhe beinhaltete.

»Ja? Schön für dich.«

Er hörte das Schmunzeln des anderen Mannes.

»Bisschen empfindlich heute, was? Wollten deine Schäfchen nicht so, wie du willst, oder hast du deinen Folterkoffer vergessen?«

Max drehte den Kopf so langsam zu ihm um, als wolle er ein Geschütz auf ihn richten.

»Probleme?«

Der andere hielt seinem Blick stand.

»Weißt du, wie sie dich nennen? – Knochenbrecher.«

Er erinnerte sich nicht daran, in letzter Zeit jemandem auch nur ein Haar gekrümmt zu haben. Die letzte Person, die seine Faust zu spüren bekommen hatte (und die Erinnerung setzte sich als flaues Gefühl in seinem Magen fest), war Will gewesen. Der Anlass war die einzige Verbindung zueinander gewesen, die sie nicht abstreiten konnten: ihr gemeinsamer Vater, den Max laut seinem Bruder schlechtgemacht hatte. Wie dachte er wohl jetzt über Bill?

»Na, dann behalte das mal im Kopf«, antwortete er schließlich. Er hatte keinen Zweifel daran, dass die Gerüchte – die gestreut wurden, aber unwahr waren – einer geschickten Propagandamaßnahme entsprangen. Und er musste sich keine große Mühe geben, um die Quelle seines Rufes ausfindig zu machen. Despoten mögen sich gern mit einem Mantel aus Angst und Schrecken kleiden, doch Helen spielte in einer Liga, in der es weise war, sich selbst als Stimme der Vernunft darzustellen. Und den ganzen Rest den unterwürfigen Höllenhunden zu überlassen. Max war weder das eine noch das andere: nicht unterwürfig und auch kein Höllenhund. Tief in ihm hoffte er, dass er all das nach über fünf Monaten an der Seite seiner Stiefmutter noch immer nicht war und niemals sein würde.

Die Tür schwang auf, ohne dass er die Chance gehabt hatte, der Unterhaltung im Raum zu lauschen. Er schluckte seinen Ärger herunter und wartete darauf, dass sich Helens Termin ihm offenbarte. Ein silberner Schopf lugte aus dem Türrahmen heraus. Blank polierte Lackschuhe waren das nächste, was Max zu sehen bekam.

»… aber wenn das Ihr Wunsch ist, werde ich ihm entsprechen.«

Diese verschnupfte Altherrenstimme, das glänzende Grau auf dem Kopf – woher kannte er diesen Mann? Max ging die möglichen Kandidaten durch. Doch er musste nicht lange rätseln: Die Tür schwang zu und gab den Blick auf die schlaksige und hochgewachsene Statur des Mannes frei. Helen tauchte direkt dahinter auf. Sie trug einen hellblauen Blazer mit passender Hose, um ihren Hals schmiegte sich ein locker sitzendes Tuch mit floralem Muster, an beiden Ohren sowie am Handgelenk funkelten goldene Accessoires. »Haben Sie Vertrauen, Leroy, es wird sich alles nach unseren Vorstellungen entwickeln. Bitte geben Sie mir umgehend Nachricht, sobald der Termin bestätigt ist.«

Leroy Crawford …

»So wird es geschehen, Madam.« Er reichte ihr seine knorrige Hand, die Helen knapp, aber mit Inbrunst schüttelte.

Helens Mann im Capitol.

Crawford richtete seine Krawatte, die ihm eng um den runzeligen Hals lag, sein Handrücken war eine von Altersflecken überzogene Kraterlandschaft. Er warf Max nur einen kurzen Blick zu, ohne erkennbare Regung oder Gruß darin.

»Mr Crawford, Ihr Chauffeur wartet im Auto«, sagte der Wachhund mit bemühter Professionalität.

Immerhin erntete er für die Benachrichtigung ein schwaches Nicken. Erstaunlich beschwingt für einen Mann seines Alters verließ Crawford das Foyer und verschwand in die Dunkelheit des Spätnachmittags.

»Wie alt ist der? Hundert? Du kannst von Glück reden, wenn er sich draußen noch an seinen eigenen Namen erinnert«, rief Max seiner Stiefmutter zu, während sein Blick noch zur Tür gerichtet war.

»Respekt vor dem Alter war noch nie deine Stärke«, gab Helen zurück, ohne wirklich verärgert zu wirken. Während ihre linke Hand noch auf dem Türknauf lag, hatte sie die andere in ihre Seite gestemmt. Sie musterte ihn mit zusammengezogenen Augen, was ihr etwas Katzenhaftes verlieh.

»Wolltest du mit mir sprechen, Maxwell?«

Er wandte sich ihr zu.

»Nur bescheidende fünf Minuten.«

Sie löste sich von der Tür und schuf eine Lücke, durch die er gehen sollte, ließ ihn zuerst durchtreten. Offenbar mochte sie es nicht, jemanden im Rücken zu haben. Sie war vorsichtiger geworden und von ihrer eigenen Sicherheit fast schon besessen. Ohne einen ihrer Wachhunde sah man sie selten. Selbst hier, in der Schaltzentrale, die sie eingerichtet hatte, nachdem sie sich zur Kaiserin von Serendipity ernannt hatte, lief immer irgendein Hüne artig an ihrer Seite. Sie alle zahlten ihren Preis für die Entscheidungen, die sie getroffen hatten. Ihrer war es, von nun an auf Schritt und Tritt von Sicherheitspersonal begleitet zu werden. Seiner war es, mit dem Ruf, den sie ihm angedeihen ließ, zu leben. Solange es den Zweck erfüllt.

»Du lässt ihn hoffentlich keine wichtigen Sachen für dich erledigen. Nicht, dass er dir noch auf halber Strecke wegstirbt.«

Der Blick, den sie ihm zuwarf, als sie den Schreibtisch in der Mitte des Raumes umrundet hatte, war eindeutig: Netter Versuch. Er mochte so etwas wie ihre persönliche Gestapo sein, aber so weit ging die neu gefundene Kameradschaft dann doch nicht.

»Zerbrich dir nicht den Kopf über ihn; sein Tätigkeitsbereich berührt den deinen nicht.«

»Darauf wette ich.«

Er erinnerte sich wieder an Leroy Crawford oder zumindest daran, den Namen schon einmal gehört zu haben. Eine Sache, die mit Will in Zusammenhang stand. Oder vielmehr mit irgendeiner Kungelei zwischen diesem und dem arbeitswütigen Greis, etwas Berufliches.

»Du warst heute bei Jim Donovan«, setzte sie im Plauderton an und tippte auf die Tastatur ihres Laptops. Als sie damit fertig war, hob sie den Kopf. »Und, wie sah er aus?«

Max fand die Frage eigenartig, auch wenn ihr ganzer Stil merkwürdig war. In gewisser Weise hielt sich ihre Verrücktheit also in der Waage, seltsame Frage hin oder her.

»Ich weiß nicht … wie jemand, dessen Tochter seit fünf Monaten festgehalten wird?«

Sie hob eine ihrer dunkel gefärbten Augenbrauen an. »War er eher traurig oder mehr wütend?«

Aha, darum geht’s hier also.

Max zuckte die Schulter.

»Er war eher so ›Was zum Henker hat meine Tochter, die seit Jahren nicht mit mir spricht, getan, dass sie von ihren eigenen Leuten eingebuchtet wird?‹«

Unbeeindruckt widmete sie sich wieder dem Bildschirm vor ihr.

»Und? Was hast du gesagt?«

Er gab einen lauten Zischlaut von sich.

»Im Prinzip das Gleiche, was du ihm schon mitgeteilt hast.«

Etwas neugieriger als zuvor richteten sich ihre kalten Augen erneut auf ihn.

»Ich habe kein Wort zu Donovan gesagt.«

»Ja, das hat er erwähnt«, begann Max. »Was nicht heißt, dass es die Spatzen nicht von den Dächern pfeifen: Die Neuen gehen nicht zimperlich mit Deserteuren um.«

»Hat er sonst noch etwas von Belang erzählt?«

»Von Belang: Nein. Viel erzählt: Ja. Von der guten alten Zeit und so.«

Dieses Mal war es Max, der die Augenbraue hob, doch sie reagierte nicht darauf.

»Das glaube ich dir gern, Jim verfiel schon immer gern ins Schwafeln.«

»Er hat dich als Sargnagel bezeichnet – recht eigenwillig für jemanden, der mal der beste Kumpel des eigenen Mannes war.«

»War, Maxwell, dazwischen liegen ganze Dekaden«, schnaufte sie. »Also, was willst du von mir?«

Einiges, Helen, aber du bist vermutlich stur genug, dass ich dir alle Finger- und Zehennägel ausreißen könnte und du würdest trotzdem nur müde lächeln.

»Ich war auch im Krankenhaus«, meinte er knapp und wartete, ob sich etwas in ihr regte. Doch ihre Maske aus Make-up, festgezimmerter Frisur und perfekt sitzendem Hosenanzug änderte sich kaum. Also fuhr er fort: »Sie haben gemeint, du willst Bill verlegen.«

Jetzt erhellte sich ihr Gesicht, so, als wäre ihr gerade erst eingefallen, was er eigentlich hatte sagen wollen. Max glaubte ihr das nicht.

»Ich habe mich mit den Ärzten besprochen, und sie waren der Meinung, dass es an der Zeit wäre, ihn zu verlegen: in ein auf diese Fälle besser spezialisiertes Zentrum.«

»Du gibst ihn in ein Heim.«

»Sei nicht albern, Maxwell, das ist eine Rehabilitationsklinik, keine Seniorenresidenz.«

»Das heißt, du hast nicht mehr die Hoffnung, dass er aufwacht?«

Wieder schenkte sie ihm kurz ihre Aufmerksamkeit, während ihre Finger über die Maus ihres Laptops fuhren.

»Natürlich habe ich die«, brummte sie und führte zwei schnell aufeinanderfolgende Klicks durch. »Aber wir sind der Meinung, dass eine intensivmedizinische Versorgung die Regeneration nicht beschleunigen wird, also wollen wir ihm die Möglichkeit geben, in einem weniger sterilen Umfeld zu genesen.«

»Die Schwester sagt, dass er gerade mal zwei Wochen ohne Zwischenfall hinbekommen hat«, presste Max hervor. »Bei einem Notfall wird ihm kein Klangspiel über dem Bett helfen. Am Geld kann es ja wohl nicht liegen.«

»Es liegt auch nicht am Geld. Wie ich schon sagte, sind wir der Auffassung, dass es nach fünf Monaten keine signifikante Veränderung gegeben hat, und deswegen wollen wir neue Wege gehen.« Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine Zornesfalte. »Und was spielst du dich hier überhaupt so auf, Maxwell? Du warst kaum dort in den letzten Wochen. Die halbe Stadt weiß, dass er verlegt werden soll, und sein Sohn ist vermutlich der Letzte von ihnen.«

»Was soll das heißen?«

»Du liest nicht so oft Zeitung, oder?«

Er verzog das Gesicht.

»Es stand in der Zeitung?«

»Mhm«, machte sie und richtete sich über den Rand ihres Laptops auf. »Es stand heute in der Print- und Onlineausgabe des Seaport Journals, so viel zu dem Interesse an deinem  Vater.«

Um zu verstehen, brauchte er kein Einmaleins.

»Du hast die Presse darüber informiert.« Ihr Schweigen war seine Bestätigung. »Aber warum?«

»Dass du nicht viel mit Bill am Hut hattest, ist kein Geheimnis. Aber glücklicherweise gibt es ja noch einen Sohn, der sich etwas mehr aus seinem Vater macht.«

Er unterdrückte ein »Aha«, konnte aber den zynischen Ton in seinem nächsten Satz nicht verhindern.

»Ich denke, er ist in der Gefangenschaft von diesem Nichtmenschen, wie du sagst.«

»Der Meinung bin ich auch immer noch«, gab sie knapp zurück. »Es gibt Gefängnisse, in die man gesteckt wird, und es gibt Gefängnisse, in die man sich selbst steckt. Ich kann nur hoffen, dass er zur Vernunft kommt. Dass er erkennt, dass dieses Wesen ihm nicht guttut, und er sich daran erinnert, wohin er gehört.« Wie um die Diskussion zu beenden, nahm sie auf dem ledernen Chefsessel hinter sich Platz. »Beschäftige dich besser mit deiner Agenda, ich kümmere mich um William. Was machen die Befragungen?«

Und das war es, mehr würde er heute nicht von ihr bekommen. Es war eine ernüchternde Erkenntnis. Weil Helen Resignation mit gefährlichem Scharfsinn erkennen würde, schüttelte er die fruchtlosen Gedanken schnell ab.

»Die Leute sind nicht sehr redselig, irgendjemand hat ihnen wohl eingeredet, dass man ihnen ans Leder will.«

»Nicht allen, nur denjenigen, die uns verraten«, verbesserte sie.

»Das muss er nicht mal absichtlich tun, wenn Adams es schlau angestellt hat.«

»Macht das einen Unterschied?«, fragte sie gelangweilt und schaukelte im Sessel hin und her. »Dummheit muss ebenso bestraft werden. Also bist du nicht weitergekommen?«

»Ich gehe deine Liste durch und schau einfach mal, was so passiert. Bis auf ein bisschen Angstschweiß allerdings nicht viel bisher.«

»Wer ist der Nächste auf deiner Liste?«

»Das wird dir gefallen: Lea Branigan.«

Helen hob die Stirn.

»Sie ist auf der Liste?«

»Das musst du wissen, es ist deine Liste.«

Sie machte ein Gesicht, als kaute sie auf etwas Zähem.

»Nun, es kann wohl nicht schaden, wenn es noch mal jemand anderes bei ihr versucht.«

Jemand anderes …

»Jemandem gegenüber, den sie kennt, ist sie womöglich aufgeschlossener.«

Eigentlich kannte er Lea gar nicht sonderlich gut, und die wenigen Male, die sie miteinander zu tun gehabt hatten, lagen mehr als ein Jahrzehnt zurück. Aber er würde den Teufel tun und ihr das unter die Nase reiben.

»Da gibt es nur ein Problem«, sagte er.

»Ja?«

»Ich weiß nicht, wo ich sie finden kann.«

Ihre Züge veränderten sich abermals. Wirklich? Doch dann schüttelte sie die Gedanken weg, als wären sie Staub.

»Ich denke, da kann ich aushelfen.«

Dieses Mal verzog er das Gesicht.

Was du nicht sagst.