Ich erinnere mich: Du sitzt damals viel Zeit vor der Schreibmaschine oder vor dem Zeichenblock. Irgendwie gehört das für dich zusammen, und was auf dem Papier geschieht, fließt nicht selten in deine Geschichten ein. Du hast keinen Plan, keine Vorgaben und keinerlei Erwartungen. Wichtig ist dir nur der Spaß dabei. Wenn du anderen von deinen Ideen erzählst, machst du ihnen weis, dass du das geträumt hast. Weil du dich nicht traust zu sagen, dass es von dir selbst kommt. Rezensieren ist auch etwas, das du magst. Eine deiner ersten Rezensionen ist eine zweizeilige Abhandlung über die Teen-Serie „Dawsons Creek“ und wird in der Zeitschrift TV-Movie abgedruckt.

Inspiration: Star Wars, offensichtlich

Du entdeckst in dieser Zeit auch deine Liebe für Fantasy und Science-Fiction. Der neue Star Wars kommt raus und du suchtest dank ausgeliehener VHS-Kassetten mit mäßiger Qualität die Ur-Trilogie bis du jeden Satz mitsprechen kannst. Du beginnst, Fantasy-Geschichten zu schreiben. Eine einzige Person kennt deine ersten Werke und du kannst dir beim besten Willen nicht vorstellen, sie jemals anderen – geschweige denn Fremden – zu zeigen. Überhaupt ist das Schreiben dein geheimes Ding. Deine Lehrer bescheinigen dir Talent, Gedichtsinterpretationen und Aufsätze liegen dir. Deine Lehrerin hat ein gutes Händchen für Unterrichtslektüre, was du mit eifrigem Lesen belohnst. In deinem Bücherregal stehen viele Stephen-King-Bücher, einiges von Akte X und am meisten Star-Wars-Bücher. Keine klassische Jugendbuchliteratur, da kommst du – von der Schullektüre einmal abgesehen – irgendwie nicht ran.

Datumsangaben, so wichtig. Und immer lockt die Zukunft …

Tamagotchi, Buffalo-Schuhe, Farben und Frisuren – probierst du alles aus. Schräge Vögel aber sind die anderen. Auffallen willst du nie, wirklich schüchtern bist du aber auch nicht. An sich ist alles ziemlich in Ordnung. Auf ein paar Sachen hättest du gern verzichtet. Mit Trauer und Verlust musstest du schon früh umgehen lernen, doch dein Umfeld fängt dich auf. Das meiste aber machst du mit dir selbst aus, und das ist okay. Du bist okay.

Du wirst das Schreiben etwas aus den Augen verlieren. Nach der Schule sind andere Sachen wichtiger. Du lernst neue Leute kennen, dein Horizont erweitert sich. Du ziehst vom Land in die Stadt, musst quasi über Nacht selbstständig werden. Es wird funktionieren, du wirst dich zurecht finden. Neue Freunde kommen, viele gehen wieder, die wichtigen bleiben. Der Wichtigste von ihnen auch. Und auch das Schreiben wird zu dir zurückkehren.

Änderungen? Schwiiiierig.

Heute lese ich deine Geschichten von früher und du wirst verstehen, warum ich sie weiterhin im roten Hefter belasse. Dort, wo du alles gesammelt hast und es für niemanden außer für dich selbst gedacht war. Aber ich weiß, worauf du hinaus wolltest. Welche Atmosphäre du erschaffen wolltest und welchen Fokus deine Geschichten haben sollten. Du hast die Dinge sehr klar beschrieben, wolltest nichts dem Zufall überlassen. Deine weiblichen Hauptfiguren sollten starke, unabhängige Persönlichkeiten sein, aber einen sensiblen Kern besitzen; verletzlich und trotzdem tough sein können. Dieser Anspruch wird sich nicht verlieren. Aber du wirst einen anderen, subtileren Stil finden, um das auszudrücken. Du wirst herausfinden, was dir gefällt und wie du es umsetzen kannst das in eine Geschichte mit Romanlänge zu verpacken. Du wirst dir selbst treu bleiben und keinem Trend nachlaufen.

Now & Then

Du darfst auf deine Intuition vertrauen, in 90% der Fälle leistet sie dir gute Dienste. Die anderen 10% verbuchst du als Erfahrung. Ich kenne deine Unsicherheiten, deine Zweifel – immerhin war ich ja einmal du. Aber auch das gehört zum Wachsen dazu. Ich weiß das jetzt. Du wirst es herausfinden. Du neigst dazu etwas verbohrt zu sein, hältst manchmal zu lange an Überzeugungen fest, die es nicht wert sind verteidigt zu werden. Auch im Jetzt häufig noch – daran müssen wir stetig arbeiten, damit wir unsere Perspektiven nicht unnötig limitieren, auf das, was unsere Sturheit zulässt. Ein noch älteres Ich würde wohl noch weisere Worte an dich richten. Aber alles hat seine Zeit und es ist gut so, wie es kam und ich vertraue darauf, dass es auch gut sein wird, wie es noch kommt. Die Leute sagen, du wärst ein Pessimist. Lass dir das nicht einreden – das stimmt nämlich gar nicht!

Und sie schliefen glücklich bis an ihr Ende.

Etwas, das ich heute weiß und du damals nur gespürt hast, bewahrheitet sich über die Jahre: Du schreibst nicht aus Langeweile. Du schreibst, weil es dir wichtig ist. Nicht alles ist perfekt, es gibt so vieles noch zu Lernen. Fehler machen und Frust erleben gehören dazu. Aber so ist das mit den Dingen, die einem wichtig sind. Es heißt nicht umsonst Leidenschaft. Nichts davon wird dir die Freude am Schreiben nehmen und so lange du weiter an dir arbeitest, hast du einen Rückzugsort, in den Welten, die du erschaffst. Das ist es, was ich mir immer vor Augen halte und auch meinem zukünftigen Ich wünsche. So bleiben meine Schlussworte zum Schreiben an uns drei gerichtet – dem damaligen, dem jetzigen und dem zukünftigen Ich:

Halte dran fest, es ist ein Teil von dir.

Enthält Markennennungen (unbeauftragt)