Das Handy klingelt, ein Anruf geht ein und während man den Schreck darüber noch verarbeitet, dass da tatsächlich jemand mit einem telefonieren will, düst auch schon dieser unaufhaltsame, missmutige Gedanke herbei, verpuppt sich als Frage: „Herrgott, hätte eine Nachricht nicht auch gereicht?“ Ein akuter Fall von Telefonitis also. Oder auch: Willkommen in der Welt der Introvertierten.

Verstecken hinter Texten vs.

Ja, wir haben es schon nicht einfach: Wir wollen wahrgenommen werden, aber nicht zu sehr. Wir möchten gehört werden, aber wehe es drehen sich mehr als zwei Augenpaare in unsere Richtung. Wir haben eine Stimme, aber wir benutzen sie nicht gern zum Telefonieren. Introvertierte Menschen stehen in einer Gesellschaft, die vielmals das Laute dem Leisen vorzieht, vor einigen Herausforderungen.

Sie ist sich wohl zu feige?

Irgendwie deshalb kam ich wohl auch zum Schreiben. Papier ist nämlich nicht nur geduldig, es hält auch die Klappe – wunderbar! Dabei ist das Schreiben eine zutiefst interagierende Erfahrung: Durch die Figuren, durch das Storytelling, durch all das, was auf den Seiten, die man tippt, geschieht, entstehen Aktionen: laute und leise. Das ist das Wunderbare daran: durch die Augen der Figuren „jemand anderes“ zu sein: mutiger vielleicht als man es selbst ist. Offener, schneller, selbstbewusster. Intriganter, zorniger, gnadenloser. Wie ein Schauspieler, der sich an den Prinzipien des Method Actings orientiert, so kann auch der Autor in seine Figuren eintauchen, die Dinge mit seinen Augen sehen und eine ganz andere Perspektive einnehmen.

Doch wenn der Computer ausgeschaltet ist und ich die Tür in die reale Welt öffne, bin da immer noch ich: Jemand, der keine lauten Geräusche mag, der sich in Menschenmassen unwohl fühlt und jedes Mal in Schockstarre verfällt, wenn das Telefon klingelt. Ist das Feigheit? Sind das meine Schwächen? Vor einiger Zeit hätte ich das sicher so gesehen. Doch mittlerweile sehe ich das Ganze aus einem anderen Blickwinkel. Zu erkennen, wer man ist – wie man tickt – ist doch ein großer Gewinn, oder? Situationen, die man selbst als unangenehm empfindet, lassen sich so viel besser umgehen. Wenn auch nicht immer vermeiden. Also, alles prima, oder?

Die Sache mit der Komfortzone

So eine Erkenntnis ist unglaublich befreiend: Man muss nichts tun, was man nicht tun möchte. Doch diese Haltung hat seine Grenzen. Erst recht, wenn es darum geht, einen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Wer Dinge geschehen lassen möchte, muss auch der Initiator seines Wunsches sein. Man kann nicht einfach dasitzen und hoffen, dass sich alles schon von selbst fügt.

„These doors won’t open while you stand and watch them“

Imagine Dragons „Cha-Ching“
Texte veröffentlichen

Es war eine große Hürde für mich, jemand „Fremdes“ meine Texte zum Lesen zu geben. Die Nächste war, den Text an Verlage und Agenturen zu schicken – wohlwissend wie die Resonanzlage in der Branche ist. Doch das hat mich letztlich nicht abgehalten, es dennoch zu tun. Dafür gibt es schlussendlich nur eine Erklärung: Ich glaube an meinen Text, bin von ihm überzeugt. Und deshalb stehe ich für ihn ein. Deshalb nehme ich all meinen Mut zusammen, damit er besser wird, damit er Leser findet. Ich gehe sogar ans Telefon! Deshalb traue ich mich auch direkt auf Leute zuzugehen. Ich handle Lesungen aus (wohlwissend, dass ich diese dann auch durchführen muss *g*) und vereinbare Kooperationen. Schritt für Schritt komme ich meinen Zielen näher. Hätte ich den Schritt aus meiner Komfortzone nicht gewagt, ich säße noch immer zweifelnd am Schreibtisch. Tatsächlich erscheint aber so mein erster Roman am 01.07.2019 und trägt den Titel „Der Ursprung der Ewigkeit“. Das hätte mir mal einer noch vor einem halben Jahr sagen sollen …

Der Weisheit letzter Schluss

Es ist gut, sich so zu akzeptieren wie man ist. Es geht nicht ums Verbiegen, um in eine Form zu passen, in die man letztlich nicht gehört. Wer aber nur nach einer Ausrede und dem leichtesten Weg sucht – der Veränderung nur deshalb nicht zulässt – steht sich am Ende womöglich selbst im Weg. Dann stirbt zuletzt nicht die Hoffnung, sondern der große Traum.